Eigentlich geht es der FDP bestens. Gute Umfragewerte erfreuen Guido Westerwelle. Doch mit wem, sorgt sich der Parteichef, können die Liberalen ihre Politikziele noch umsetzen? Westerwelle zeigt sich zunehmend ratlos über die Christdemokraten – seine Lieblingskoalitionspartner.
Guido Westerwelle ist auf dem Sprung. Der FDP-Parteichef will von Köln/Bonn aus zur Sicherheitskonferenz nach München fliegen, dort über das Weltgeschehen reden. Doch er kommt von der Innenpolitik nicht los: Der Rückzug von Friedrich Merz aus der Politik verunsichert die CDU. Ihr Kurs sei nicht mehr mit seinen Überzeugungen vereinbar, hatte Merz auf seiner Homepage veröffentlicht. Auch Westerwelle zeigt sich zunehmend ratlos über die Christdemokraten – seine Lieblingskoalitionspartner. Ein Telefongespräch über Bündnisse in der Politik.
Welt.de: Herr Westerwelle, haben Sie Herrn Merz schon angeboten, in die FDP einzutreten?
Guido Westerwelle: Friedrich Merz und ich kennen uns aus Studententagen. Falls er sich politisch neu orientieren möchte, hat er meine Telefonnummer. Es wäre traurig, wenn ein so profilierter Vertreter einer marktwirtschaftlichen Politik von der Bühne verschwände, nur weil sich die CDU zu einer schwarzen SPD entwickelt.
Haben wir wirklich bald zwei sozialdemokratische Parteien?
Westerwelle: Die Union unterzieht sich in der Koalition einer regelrechten Gehirnwäsche. Es gibt jetzt in CDU/CSU keine profilierte Position einer marktwirtschaftlichen Erneuerung mehr, dafür errötet die Union gegenüber der SPD.
Welt.de: Ist die Union überhaupt noch ein tauglicher Koalitionspartner?
Westerwelle: Treffen sich zwei 90-Jährige. Sagt der eine: Wie geht es dir? Sagt der andere: Wenn ich an die Alternative denke, geht’s mir gut. So müsste auch ich antworten. Die Verformung der Union zu einer Partei, die sich in Bayern anschickt, mit Horst Seehofer einen bekennenden Sozialdemokraten an die Spitze zu wählen, ist unerfreulich.
Welt.de: Horst Seehofer würden Sie also, im Gegensatz zu Friedrich Merz, nicht bei der FDP aufnehmen wollen.
Westerwelle: Ich habe diese Woche in München das Plakat geklebt „Freiheit statt Sozialismus, FDP statt CSU“. Viel Freude hatte ich dabei, an die damaligen umstrittenen Plakate von Franz Josef Strauß zu erinnern. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass seine Parole nochmals von uns gegen die Union plakatiert werden muss.
Welt.de: In Bayern gibt es nun eine Kampfkandidatur um den CSU-Vorsitz. Das ist doch gelebte Demokratie.
Westerwelle: Eher gelebter Krampf. Wie ein solch großes Land sich eine neunmonatige Hängepartie bis zum CSU-Wahlparteitag leisten will, ist mir schleierhaft. Dieses Schauspiel hat Bayern nicht verdient. Faktisch fallen die CSU und die Staatsregierung in Bayern als Machtfaktor in Berlin und München aus, was auch die Koalition im Bund schwächt.
Welt.de: Müsste die Kanzlerin wegen des schlingernden CDU-Kurses ein Machtwort sprechen und die Leipziger Reformbeschlüsse verteidigen?
Westerwelle: Ich bin überrascht, dass die Bundeskanzlerin die Richtungsfrage in der Union so treiben lässt. Richtungsfragen sind am Schluss doch entscheidend für den eigenen Wahlerfolg.
Welt.de: Sie sind mit Angela Merkel befreundet. Verstehen Sie, was sie antreibt?
Westerwelle: Nein.
Welt.de:Das ist alles kein flammendes Plädoyer für ein Bündnis mit der Union.
Westerwelle: Beide Regierungsparteien befinden sich gerade in einer Selbstfindungsphase. Wie SPD und Union in zwei Jahren aussehen werden, kann heute keiner sagen. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg sieht man, dass man auch besser regieren kann als mit einer Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners.
Welt.de: Trifft die FDP vor der nächsten Bundeswahl eine Koalitionsaussage?
Westerwelle: Das entscheiden wir zeitnah vor der Bundestagswahl auf der Grundlage unseres Programms.
Welt.de: Ist es nicht ein Gebot der Transparenz für den Wähler, dass Sie unbedingt solch eine Aussage treffen?
Westerwelle: Die Bürger haben bei der letzten Wahl eine gute Erfahrung mit uns gemacht. Wir haben eine Aussage gegeben und uns nach der Wahl auch daran gehalten.
Welt.de: Also wird es eine Koalitionsaussage geben.
Westerwelle: Es spricht viel dafür, dass wir bei der nächsten Wahl so verfahren wie beim letzten Mal. Aber eine Entscheidung steht noch nicht an. Die politische Lage ist dafür viel zu unsicher. Ich rechne damit, dass die sogenannte Große Koalition nicht bis Herbst 2009 hält.
Welt.de: Nehmen wir an, die Koalition hält. Kann sich eine Demokratie dies noch über zwei Jahre leisten?
Westerwelle: Nein. Die Tatsache, dass die Koalition derzeit die Krisen verwaltet und die Zukunft nicht mehr gestaltet, führt dazu, dass sich enttäuschte Bürger von der Politik abwenden oder sogar den Radikalen zuwenden. Das wollen wir mit unserem überzeugenden Gegenkonzept verhindern. Für die FDP läuft es doch. Unionswähler laufen über.
Welt.de: Das „Projekt 18“, also 18 Prozent der Stimmen, könnte für die FDP Realität werden, ohne dass sie etwas dafür tun müsste.
Westerwelle: Ich freue mich über den Zulauf, den die FDP hat. Als deutscher Patriot bin ich aber sehr besorgt, dass wir uns mit prognostizierten Wirtschaftswachstumsraten von 1,7 Prozent zufriedengeben, obgleich das unter dem Durchschnitt in Europa und erst recht in der Weltwirtschaft ist.
Welt.de: Wirtschaftsminister Michael Glos will Jobs halten. Er droht zum Beispiel dem Konzern EADS mit der Stornierung von Aufträgen, falls Jobs bei der Airbus-Produktion abwandern. Darf Glos das?
Westerwelle: Das klingt interessant, ist aber eine leere Drohung. Wem will er Aufträge erteilen? Dem US-Konkurrenten Boeing?
Welt.de: Intervention und Regulieren erscheinen als Leitmotive der Koalition. Hat sie das zumindest bei der „Rente mit 67“ richtig gemacht?
Westerwelle: Auch hier denkt die Regierung zu simpel. Starre Renteneintrittsalter sind von gestern. Die Lebensarbeitszeit muss flexibler und individueller gestaltet werden. Zum Beispiel sollte es leichter möglich werden, ab 60 Jahren Teilzeitarbeit zu leisten. Dazu werden wir im Juni auf dem Bundesparteitag ein Konzept vorlegen.
Welt.de: Gerüchte kursieren, dass enttäuschte Christdemokraten eine neue Partei gründen wollen. Müsste die FDP solch eine Konkurrenz fürchten?
Westerwelle: Nein, diejenigen, die sich von der Union abwenden, weil sie eine freiheitliche Politik wollen, haben in der FDP eine Heimat.
Welt.de: Sie vergessen die Konservativen. Hätte eine zweite Konservative Partei Chancen in Deutschland?
Westerwelle: Ich glaube, dass keine neue Partei derzeit eine echte Chance hätte. Im Gegenteil: Die Linkspartei macht gerade vor, dass zu einer Partei mehr gehört als der Wille von zwei oder drei Personen, eine aufzubauen.
Das Gespräch führten Peter Müller und Jan Rübel