Kleinmann: Neue Rechtschreibung am 1. August 2005 einführen

Allerdings: Einwände gegen Reform kritisch und unvoreingenommen überprüfen

Dieter Kleinmann MdL
07.10.2004 - Der FDP/DVP-Landtagsabgeordnete Dieter Kleinmann sprach sich in einer Landtagsdebatte dafür aus, die neue amtliche Rechtschreiberegelung nach der siebenjährigen Übergangsfrist wie geplant am 1. August 2005 einzuführen. Die bis dahin verbleibende Zeit sollte nach den Worten des FDP-Abgeordneten allerdings dafür genutzt werden, die Einwände gegen Teile des Reformwerks noch einmal kritisch und unvoreingenommen zu überprüfen.
Im Folgenden die Rede des Abgeordneten Dieter Kleinmann:
?Sprache folgt eigenen Regeln, und Sprache verändert sich nach ihr eigenen Regeln. In jeder Spra-che gibt es daher vieles, was bei Betrachtung sozusagen ?von außen? als ungereimt erscheint. Im Deutschen gibt es zum Beispiel die ?Autorenlesung? ? obwohl an ihr in der Regel nur 1 Autor teil-nimmt. Es gibt die ?Deutsche Bischofskonferenz? ? in der natürlich nicht 1 Bischof mit sich selbst konferiert (gegenwärtig 66 Bischöfe). ?Unmenge? ist nicht ?keine Menge?, sondern eine besonders große. Und wenn jemand sagt: ?Ich gehe jetzt nach Berlin?, so ist das sprachlich auch dann völlig korrekt, wenn er damit meint: ?in einem halben Jahr werde ich nach Berlin umziehen?.

Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, eine deutsche Grammatik zu schreiben mit dem Ziel, der Sprache und denen, die sie sprechen, derlei „Ungereimtheiten“ austreiben zu wollen. Jeder halbwegs Kundige weiß: Grammatik setzt keine Regeln, sondern beschreibt Regeln, nämlich die, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt als Regeln des allgemeinen Gebrauchs feststellen lassen.

Der in der Reformdiskussion viel geschmähte Konrad Duden wusste, dass für den schriftlichen Gebrauch von Sprache und dessen Regeln dasselbe gilt. Er schrieb nicht auf, welchen Regeln die Schreibung seiner Meinung nach zu folgen hätte, sondern er trug zusammen, was der seinerzeit zu beobachtende Schreibgebrauch war.
Die spätere Duden-Redaktion – auch diese heute viel geschmäht – tat nichts anderes: Veränderun-gen im schriftlichen Gebrauch und auch in der Sprache selbst wurden sukzessiv ins Wörterbuch und in das Regelwerk aufgenommen. Das ist übrigens bis heute auch die Praxis zum Beispiel der hoch angesehenen französischen Sprachakademie.
Die Urheber der Rechtschreibreform verfolgen den gegenteiligen Ansatz: Sie wollen nicht beschrei-ben, was tatsächlicher Gebrauch ist, sondern normativ vorgeben, wie man, den Regeln außersprach-licher Logik und selbst gebastelter Volksetymologien folgend, „eigentlich“ richtig zu schreiben hät-te. Das ist der Webfehler im Denkansatz dieser Reform.
Konkrete Beispiele für absurde Ergebnisse dieses verfehlten Ansatzes – etwa aus dem Bereich der Getrennt- oder Zusammenschreibung – sind zur Genüge bekannt. [Aus einem Schulbuch in refor-mierter Schreibung: „Affen und Menschen haben sich … auseinander entwickelt.“]
50 renommierte Rechtswissenschaftler haben zu Protokoll gegeben, dass es ihnen die reformierten Regeln nicht mehr ermöglichen, komplizierte Sachverhalte schriftlich eindeutig festzuhalten. Kann man dies als Reformergebnis ernsthaft in Kauf nehmen wollen – zugunsten angeblicher (nach mei-ner Überzeugung zumeist nur vermeintlicher) Erleichterungen beim Lesen- und Schreibenlernen in der Schule?
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (immerhin!) gehört zu den ausgewiesenen Re-formkritikern. Im März, April und Mai 2004 haben zwischen ihr und der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung Gespräche stattgefunden. Das Ergebnis hat die Zwi-schenstaatliche Kommission in einem Bericht niedergelegt. Sie hält darin unter anderem fest: Ge-trennt- und Zusammenschreibung kann aufgrund seiner [sic!] Komplexität, Kompliziertheit und Offenheit nicht Gegenstand eines normierenden[!] schulischen Rechtschreibunterrichts sein.“
Meine Damen und Herren, das ist die absolute Bankrotterklärung derer, die angetreten waren, auch und gerade für diesen Bereich klare, eindeutige und in jedem Fall bessere Regeln als die des Dudens formulieren zu wollen. Was ist zum jetzigen Zeitpunkt noch zu tun?
Die Übergangszeit, in der auch die alten – und daneben weitere – Schreibweisen als nicht falsch gelten, darf nicht verlängert werden. Gerade bei Schülerinnen und Schülern entsteht durch dieses Nebeneinander der Eindruck von Beliebigkeit. Gerade sie brauchen im Gegenteil Verbindlichkeit. Am Termin 1. August 2005 für die Rückkehr zu solcher Verbindlichkeit darf daher nicht gerüttelt werden.

Aber die bis dahin verbleibende Zeit muss genutzt werden, die Einwände gegen Teile des Reform-werks noch einmal kritisch und unvoreingenommen zu überprüfen. Die Kultusministerin Baden-Württembergs Landes hat wiederholt gesagt, von den mit der Reform vorgesehenen Neuregelungen seien gerade zwei Prozent der Schreibungen betroffen. Wenn dies – wovon ich selbstverständlich ausgehe – zutrifft, kann es in der Sache auch für Schülerinnen und Schüler kein Problem sein, wenn ein Teil dieser zwei Prozent nochmals geändert wird.
Zu den angeblich verheerenden ökonomischen Auswirkungen auf die Schulbuchverlage kann ich hier nur sagen: Das kann man auch ganz anders sehen – und zumindest ein Teil dieser Verlage tut dies auch selbst. Im Übrigen: Der jüngste Duden ist im August 2004 erschienen – mit zahlreichen neuerlichen Änderungen, beschlossen im Juni 2004. Im Grunde müssten folglich Schulbücher be-reits jetzt wieder neu gedruckt werden.
Abschließend: die Kultusministerkonferenz hat die Einrichtung eines international besetzten „Rats für deutsche Rechtschreibung“ vorgeschlagen, in dem auch Reformkritiker vertreten sein sollen. Aufgabe dieses Rats soll es sein, den tatsächlichen Schriftgebrauch zu beobachten und vor diesem Hintergrund Vorschläge zur Weiterentwicklung der Rechtschreibung zu erarbeiten.
Ich hätte mir gewünscht, dass bereits die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschrei-bung – wie seinerzeit Konrad Duden – dieser Weisung gefolgt wäre: die Rechtschreibreform in der jetzigen Form hätte sich damit von Anfang an erledigt.“

 

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